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Tim Cole

„Wer seine Social Media Accounts von seinem Pressesprecher befüllen lässt, kann es eigentlich gleich sein lassen. Und hier liegt auch eine Lektion für deutsche Firmenchefs.“ – Interview mit Tim Cole

Tim Cole ist Publizist unter anderem in der Wirtschaftstechnik. Lesen Sie jetzt sein exklusives Interview über den digitalen Fortschritt und Donald Trump.

Herr Cole, die USA hat gerade gewählt. Mit Donald Trump ist ein politik-unerfahrener Multimilliardär President-Elect. Was zeigt uns das und welche Folgen kann das für das deutsch-amerikanische Verhältnis haben?

Das Internet hat dabei eine Riesenrolle gespielt. Trump hat Twitter als Waffe gegen Clinton verwendet und ist damit bei einer breiten Bevölkerungsschicht angekommen. Politiker müssen lernen, dass die Menschen auch emotional angesprochen werden und dort abgeholt werden wollen, wo ihre Ängste und Sorgen sind. Wer seine Social Media Accounts von seinem Pressesprecher befüllen lässt, kann es eigentlich gleich sein lassen. Und hier liegt auch eine Lektion für deutsche Firmenchefs: Auf Facebook & Co. zählen Sympathie, Empathie und Authentizität. Das kann man nicht delegieren. Trump ist kein besonders kluger Mensch, aber das hat er aus dem Bauch heraus verstanden.

 

Sie sind ein Digital Native. Wie kam es dazu?

Ich glaube nicht an die Unterteilung in digitale Eingeborenen und „Zugroaste“, wie man bei uns in Österreich sagt. In unserem Buch „Digitale Aufklärung“ haben Ossi Urchs und ich die Unterteilung in „Neophile“ und „Neophobe“ verwendet, also Menschen, die dem Neuen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstehen und solche, die lieber alles beim Alten lassen. Für sie ist das Neue immer fremd und deshalb unheimlich. In Deutschland gibt es viel zu viele von ihnen, gerade in den Chefetagen. Das sind Leute, die selbstzufrieden auf die – zweifellos vorhandenen – Erfolge der deutschen Wirtschaft in der Vergangenheit verweisen und nicht wahr haben wollen, dass die Digitale Transformation alles verändern kann, und zwar im Internet-Tempo! Wir befinden uns im Wettlauf mit anderen Ländern, in denen die Netzwerke schneller, die Menschen aufgeschlossener sind gegenüber Neuem und in denen Manager weniger Angst davor haben, auch mal einen Fehler zu machen. Diese Angst lähmt und führt dazu, dass viele Führungskräfte hierzulande lieber gar nicht entscheiden als womöglich falsch zu entscheiden. Das ist schade, denn dadurch wird Innovation ausgebremst. Was wir brauchen ist mehr Mut in den Chefetagen!

 

Ihr aktuelles Buch heißt „Digitale Transformation – Warum Deutschland gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt zu tun ist“. Wie wird sich die Unternehmenswelt in den nächsten Jahren verändern und was ist zu tun?

Ich zitiere gerne meinen Freund Prof. Thilo Kohlmann von der Uni Duisburg, der einmal gesagt hat: „Jeder Manager und Unternehmer sollte sich täglich fragen, welches junge Startup-Unternehmen im Silicon Valles mit einer guten Idee und jede Menge Risikokapital im Rücken denkt gerade darüber nach, wie er mein Geschäftsmodell kaputt machen kann?“ Das ist eine sehr gute Frage, und wenn man sie oft genug stellt findet man vielleicht die richtige Antwort – und zwar bevor es die jungen Leute im Silicon Valley tun. Dann muss man nur den Mut aufbringen, die richtigen Konsequenzen zu ziehen und sein Unternehmen notfalls neu zu erfinden – und sich gleich dazu.

 

Sie sprechen auch über das Digitale-Ich. Wie verändert diese Entwicklung unsere heutige Realität und Wahrnehmung?

Realität und Virtualität verschwimmen immer mehr. Kids starren heute ständig in ihr Smartphone. Google Glass spielt uns digitale Informationen vors Auge, bis wir sozusagen die Welt um uns herum und die Welt hinter dem Bildschirm gleichzeitig sehen und erleben; sie verschwimmen zu einer neuen erlebten Welt. Wir werden uns immer mehr daran gewöhnen, und irgendwann werden wir es gar nicht mehr missen wollen. Natürlich werden wir die Brille oder, in einigen Jahren, die Kontaktlinsen mit Internetanschluss ausschalten können, wenn wir wollen – aber werden wir es wollen? Wir könnten ja auch heute den Ton am Fernseher ausschalten und wie unsere Großeltern Stummfilme genießen. Aber wir sind doch ganz schön froh, wenn der Ton wieder läuft…

 

Vielen Dank für das Gespräch!