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„Das Vertrauen der Bären gewinnen“ – Interview mit Dr. David Bittner

Dr. David Bittner ist Bärenforscher und Biologe. Der Schweizer beobachtet seit vielen Jahren die wilden Braunbären in der Wildnis Alaskas. Im exklusiven Interview mit Athenas spricht der Referent über die Erfahrungen mit „seinen“ Bären und zeigt, was Bären und Business gemeinsam haben.

Dr. Bittner, woher kommt Ihre Faszination für die wilden Bären Nordamerikas?

Vielleicht bin ich gerade deshalb so fasziniert, weil es mehr eine Fügung des Schicksals oder einfach nur ein Zufall war, welcher mich mit den Bären in Verbindung brachte. Zwar bin ich in der Bärenstadt Bern geboren und war langjähriger Stadtberner, aber in meinen frühen Jahren spielten die Bären keine besondere Rolle in meinem Leben. Es waren viel mehr wilde abgelegene Gebiete, welche ich aufsuchte, um das ‚unbekannte‘ Land zu entdecken. Da stand Alaska natürlich ganz oben auf der Liste. Das Naturspektakel der Lachswanderung musste ich als passionierter Angler einfach gesehen haben. Und wo viele Lachse sind, sind bekanntlich auch Bären anzutreffen. Diese ersten Begegnungen mit diesen imposanten Tieren veränderten mein Leben.
Mehr durch Zufall fiel mir auf, dass einzelne Bären sehr standorttreu sind. Wenn man entsprechend viel Zeit in einem Gebiet verbringt und mit viel Geduld diese einzelnen Tiere an seine Anwesenheit gewöhnen lässt, kann sich ein gegenseitiges Vertrauen aufbauen. Diesen Bären habe ich Namen gegeben und es sind diese Bekanntschaften mit ein paar wenigen einzelnen Tieren, welche mich immer wieder zurück in die Wildnis Alaskas ziehen. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass man einen einzelnen Bären ohne Probleme wiedererkennen kann. Ich kann gar nicht anders als jeden Sommer nachzusehen wie es diesen Bären geht und wie sie sich weiterentwickeln und vor allem ob sie die harte Zeit im Winter gut überstanden haben.

 

Haben Sie ein besonders eindrückliches Erlebnis in Erinnerung?

Auf der ersten Reise gab es zwei Schlüsselerlebnisse. Einerseits eine sehr unangenehme haarsträubende Überraschungsbegegnung mit einer Bärenfamilie und andererseits lernte ich die Standorttreue eines älteren Bärenweibchens kennen, welche zur ersten sehr intimen und nahen Begegnung mit einem vertrauten Tier führte. Die Überraschungsbegegnung zeigte mir eindrücklich, dass man sich als Gast im Bärengebiet an ein paar essentielle Regeln halten muss. Dazu gehört sich bei Bedarf stets bemerkbar zu machen und auf keinen Fall einen Bären auf kurze Distanz zu überraschen. Doch genau das passierte mir in einem unachtsamen Moment als ich plötzlich drei Junge wenige Meter vor mir entdeckte. Und die Mutter leider ebenfalls nur wenige Meter weiter entfernt. Alles geschah blitzschnell. Die Mutter sprang auf mich zu. Ich fiel rücklings auf den Boden, hielt meine Hände und Arme schützend um meinen Kopf und versuchte die aufgebrachte Bärenmutter zu beruhigen: „Easy Mama, easy!“ Sie stand direkt über mir und brüllte mich einen kurzen Moment an, bevor sie sich von mir abwandte und fluchtartig mit ihren Jungen im Dickicht verschwand. Ich blieb noch lange am Boden liegen und konnte mich kaum rühren und war unter Schock. In der Folge musste ich mich psychisch sowie physisch erholen und blieb längere Zeit am selben Ort (zum ersten Mal). Dabei realisierte ich, dass ich einen Bären, ein älteres Weibchen, jeden Tag immer wieder antraf. Ich spürte, dass sie mit jeder Begegnung zutraulicher wurde und sich näher an mich heranwagte. Nach einigen Wochen kam es zu einer wunderschönen Begegnung, wo sie sich mir bis auf etwa 8 Meter näherte, setzte und dann sogar noch ein kurzes Nickerchen hielt. Ich war so berührt von diesem Erlebnis, dass ich zurück in der Schweiz dauernd an diese Bärin dachte und im Sommer darauf genau an dieselbe Stelle zurückkehrte. Und Rosie, wie ich die Bärin nannte, war wieder da. Diese Erlebnisse waren der Beginn meiner Passion für diese faszinierenden Tiere und in der Folge sollte ich einige weitere Bären besonders gut kennenlernen. Einzelne kenne ich nun über 10 Jahre und bin ihnen praktisch jeden Sommer begegnet.

 

Sie haben inzwischen eine Art Vertrauensverhältnis zu einigen “Ihrer” Bären aufgebaut. Wie gewinnt man das Vertrauen eines Bären?

Mit viel Geduld und Respekt. Man kann das Vertrauen eines Bären nicht immer gewinnen, es hängt ganz vom individuellen Charakter und der Persönlichkeit ab. Ich überlasse es immer den Bären, wie nahe sie sich mir annähern wollen. Einige blieben trotz vertrautem Umgang immer auf Distanz, andere kommen immer wieder näher, manchmal schon fast zu nah. Aber ich lasse sie kommen und zeige ihnen, dass sie nichts vor mir zu befürchten haben. Bären sind Wildtiere und grundsätzlich sehr vorsichtig, sie kommen nicht einfach bei der ersten Begegnung auf einen zu. Der ganze Prozess der Annäherung und des sich aneinander-gewöhnens braucht viel Zeit. Es sind auch nur ganz wenige Tiere, welche sich mir schlussendlich so sehr annähern und sich in meiner unmittelbaren Anwesenheit scheinbar nicht um mich kümmern und ihrem Alltagsleben nachgehen. Es ist für mich ein unbeschreibliches Gefühl den Bären so nah sein zu dürfen und an ihrem Leben teilzunehmen. Ich werde so Teil ihres Lebens und sie Teil meines Lebens. Obwohl es ihnen ziemlich egal sein dürfte ob dieses zweibeinige Wesen im Sommer immer wieder auftaucht, so spüre ich doch stark, dass mich die Bären, welche ich besonders gut kenne, relativ einfach wiedererkennen. Das nach mehreren Wochen durch unzählige Begegnungen und zusammen verbrachte Stunden aufgebaute Vertrauen muss jedoch nach längeren Abwesenheit erneut aufgebaut werden, aber es dauert mit jedem gemeinsam verbrachten Sommer weniger lang.

 

Mensch und Bär – das war und ist eine komplizierte Beziehung. Welche Probleme und Herausforderungen stellen sich dem Bären in der modernen Welt?

Der Mensch tut dem Bär und damit der Natur ganz allgemein nicht gut. Wenn ich nach längeren Aufenthalten in der Wildnis mit dem Wasserflugzeug in die Zivilisation zurückkehre sehen die Strassen, kahlgeschlagenen Waldflächen und Siedlungen wie wuchernde Krebsgeschwüre aus. Werden die Bären den Wechsel der Zeiten überleben? Unser unersättlicher Hunger nach Bodenschätzen lässt die Zivilisation bis in die letzten unberührten Winkel dieser Erde vordringen, auch in Alaska. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Bären ist auf einen Bruchteil geschrumpft. Es ist eine langsame schrittweise Zerstörung des Lebensraums und über den Zeitraum eines menschlichen Lebens nur bedingt wahrnehmbar. Das ist besonders gefährlich. Bären wirken als sogenannte Schirmart in ihrem Ökosystem. Der Schutz von Bären bedeutet deshalb nicht nur den Erhalt einer einzelnen Tierart – mit ihnen werden unzählige weitere Tier- und Pflanzenarten geschützt, deren Lebenszyklen mit dem der Bären vernetzt sind. Dies gilt natürlich auch für den Alpenraum und die Schweiz. Die Rückkehr der einst bei uns heimischen Grossraubtiere Luchs, Wolf und Bär ist mit grossen Emotionen verbunden. Der Schlüssel zu einer friedlichen Koexistenz, welche absolut möglich wäre, liegt darin zu verhindern, dass die Bären die Nähe des Menschen suchen, weil sie ihn mit Futter in Verbindung bringen. Viele Menschen sind der Meinung, dass in unserer dichtbesiedelten Kulturlandschaft kein Platz mehr für Bären vorhanden ist. Doch es gibt selbst bei uns noch unerschlossene Gebiete, welche einigen Tieren und vielleicht sogar einer kleinen sich selbsterhaltenden Population im ganzen Alpenraum Lebensraum bieten. Der Bär ist ein Symbol für die Wildnis. Er bietet uns die Möglichkeit den verlorengegangenen Respekt vor der Natur wiederzufinden und umsichtiger mit ihren Ressourcen umzugehen. Wo der Bär vorkommt bewegen wir uns mit ‚offenen‘ Augen, was den Erlebniswert um ein vielfaches steigert. Die Zukunft wird zeigen, ob wir die Herausforderung meistern, friedlich neben den Bären zu leben. Wenn wir es jemals so weit bringen sollten, dass der letzte frei lebende Bär verschwunden wäre, dann hätten wir als selbsterklärte Herren über diese Erde meiner Meinung nach kläglich versagt.

 

In Ihren Businessvorträgen beleuchten Sie auch das Thema Respekt. Was können Unternehmen und Mitarbeiter von der Wildnis Alaskas und ihren Bären lernen?

Es gibt unglaublich viele Parallelen zwischen der Welt der Bären in der Wildnis Alaskas und unserer zivilisierten Welt. Der Umgang der Bären untereinander, welche sich durch einen ausgeprägten Charakter und ihre ganz individuelle Persönlichkeit voneinander unterscheiden, ähnelt in Vielem dem Verhalten unter uns Menschen. Die bestehende soziale Struktur an einem konzentrierten Futterplatz (z.B. ein Lachsgewässer) kommt der Hierarchie eines Unternehmens gleich. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit, etwa zwischen einem Dienstleister und seinen Kunden, basiert vor allem auf Vertrauen. Vertrauen, welches nur durch viel Geduld und gegenseitigen Respekt aufgebaut werden kann. Aber auch meine Erfahrungen der Entbehrung, eines Lebens, welches sich hauptsächlich ums Überleben dreht, sollen die Zuhörer ermutigen selbst einmal den eigenen Horizont zu erweitern. Richtig abzuschalten und sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu beschränken und unsere Wurzeln, welche tief in der unberührten Natur durch unsere Vorfahren vergraben sind damit etwas zu stärken oder zu erneuern. Das würde vielen von uns gut tun. Ich möchte die Menschen dazu ermutigen die Bereitschaft zu zeigen und diesen letzten unscheinbaren aber elementaren Schritt zu tun und auch mal unserer modernen und technisch geprägten Zivilisation zu entfliehen und sich in der rauen und rohen Natur hoffentlich ein wenig selbst zu finden.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

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