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"Das Gefühl, nicht schauspielern und „verkaufen“ zu müssen, um geschätzt zu werden." - Interview mit Martina Diel

“Das Gefühl, nicht schauspielern und „verkaufen“ zu müssen, um geschätzt zu werden.” – Interview mit Martina Diel

Martina Diel ist Coach und IT-Karriereberaterin. Lesen Sie das exklusive Interview mit Athenas hier.

Frau Diel, Sie sind Coach und IT-Karriereberaterin. Wieso fällt Informatikern und Ingenieuren Kommunikation oftmals schwerer als anderen Mitarbeitern?

Weil für sie etwas tun wichtiger ist als etwas sagen. Ein Stück Programm-Code, ein Prototyp kann sehr aussagekräftig sein. Anders als bei gesprochener Kommunikation überzeugen hier die Fakten: die Software läuft oder sie läuft nicht, der Prototyp rattert, knattert und zischt – oder nicht. Wer aber lieber auf Fakten, Beweise, Tatsachen setzt statt auf Interpretationen und Meinungen, wer also Kommunikation mit all ihren Unschärfen und Missverständnissen nicht übt, der beherrscht sie schlechter als jemand, dessen Job daraus besteht, zu kommunizieren.


Sie haben das Motto „Think Geek“. Können Sie erklären wie „Geeks“ denken?

Oh, wo soll ich da anfangen? Wenn es den typischen Geek gibt, dann wäre er vielleicht wie folgt: sehr strukturiert und analytisch, an Messbarem und Überprüfbaren interessiert und überzeugt davon, dass nahezu alles machbar ist. Viele gehen sehr gerne in die Tiefe und versuchen – zumindest auf ihrem Gebiet – alles bis in Detail zu verstehen und gewaltiges Faktenwissen aufzubauen. Weil sie oft in ihrer Welt versunken sind und es ihnen so um die Sache geht, leidet darunter manchmal die Verbindung zu all jenen, die in ihren Augen oberflächlich oder sogar arrogant sind. Hier Verständnis zu wecken, dass auch der beste Spezialist im Bewerbungsprozess andere Fähigkeiten entwickeln und ausbauen sollte, als die, die er im Job braucht, ist manchmal gar nicht so einfach.


Ihnen liegt besonders auch der Erfolg von Frauen in der IT-Branche am Herzen. Wie kommt es, dass nur so wenige Frauen in diesem Bereich arbeiten?

Da kann ich nur mutmaßen. Es spielen sicher mehrere Faktoren eine Rolle: Zum einen wird auch heute noch in der Gesellschaft ein Bild von MINT-Berufen und denen, die darin arbeiten, gezeichnet, das nicht der Realität entspricht. Der klassische Nerd, wie ich ihn oben beschrieben habe, ist nur eine Minderheit unter allen, die in der IT-Branche arbeiten. Auch als extrovertierter, eloquenter Generalist kann man in der IT sehr erfolgreich sein und die Geek-Kollegen können sehr angenehm im Umgang sein, wenn man Ihr Denken erst einmal verstanden hat und respektiert, wie sie an Dinge herangehen. Zum anderen ist es bedauerlicherweise auch in der Generation der heutigen Mädchen noch nicht normal, sich für technische Dinge zu interessieren oder gar gerne zu programmieren. In den Jahren, in denen Weichen gestellt werden für das spätere Berufsleben gestellt werden, will kaum ein Teenager anders sein als die anderen, dafür reicht das Selbstbewusstsein einfach nicht. Auf Sätze wie „Was, du als Mädchen interessierst dich für Computer? Ist ja ungewöhnlich!“ selbstbewusst zu reagieren und auf ein „Macht nichts, wenn du kein Mathe kannst, Mädchen tun sich da halt schwer“ mit verstärkter Anstrengung zu reagieren – wer kann das schon in so jungen Jahren?


Haben Sie einen Tipp was Unternehmen tun können, um Ingenieure und Informatiker anzuziehen, zu binden und zu begeistern?

Ohja, sehr viele sogar! MINT-Mitarbeitern ist oft anderes wichtig als ihren Kollegen z.B. aus dem kaufmännischen Bereich. Ich habe noch kaum jemanden erlebt, der z.B. Wert auf einen Dienstwagen oder einen tollen Titel auf der Visitenkarte gelegt hat. Auch auf eine klassische Karriere, die Personalführung beinhaltet und mehr und mehr Management-Aufgaben, haben viele wenig Lust. Hoch im Kurs stehen dagegen flexible Arbeitszeiten, eine ruhige Umgebung, die konzentriertes Arbeiten erleichtert, transparente, rational nachvollziehbare Entscheidungen und vor allem das Gefühl, nicht schauspielern und „verkaufen“ zu müssen, um geschätzt zu werden.


Was können Ihre Zuhörer von einem Ihrer Vorträge erwarten?

Neben meinen eigenen Erfahrungen aus über 20 Jahren Berufstätigkeit als Quereinsteigerin in der IT-Branche auch viele Erkenntnisse und die eine oder andere Anekdote aus den letzten 10 Jahren als Berufscoach für Menschen in der IT-Branche. Und eines kann ich Ihnen versprechen: wenn Sie selbst Geek sind, werden Sie sich wiedererkennen. Und egal, ob Sie es sind oder nicht: Sie werden einige Male gelacht haben.


Vielen Dank für das Gespräch!